„Schöne Aussichten“ Chancen und Probleme der Digitalisierung – Tagungsbesuch beim Verband der freiberuflichen Kulturwissenschaftler

Eine Kultur-Uschi war am letzten Wochenende mal wieder auf Tour! Leipzig heißt die Stadt der Wahl, in der die MUTEC und die denkmal dieses Jahr ihre Messe abgehalten haben. Das Messeduo hat einen neuen Besucherrekord aufgestellt: 13 900 Besucher konnten von Donnerstag bis Samstag einen Einblick erhalten in aktuelle Entwicklungen der Denkmalpflege und Ausstellungspräsentation sowie museale Infrastruktur. Rund um die Messe mit Ausstellern und Vorträgen, waren Seminare, Workshops und Tagungen organisiert.

Messe Leipzig
Herrliches Wetter zur Messe in Leipzig

Die Tagung „Schöne Aussichten? Chancen und Probleme der Digitalisierung im Arbeitsfeld Museum“ richtete sich in erster Linie an freiberufliche Kulturwissenschaftler, aber auch an den klassischen Museumsmenschen. So war z.B. Prof. Dr. Rita Müller, Museumsdirektorin des Museums der Arbeit aus Hamburg angereist um auch einen Vortrag über die aktuelle Ausstellung „Out of Office“ vorzustellen. Aber der Reihe nach.

Worum genau geht es eigentlich?

Die Tagung war klassisch aufgemacht. Vier Vorträge, eine Kaffeepause, Diskussionen im Anschluss an jeden Vortrag. Ein passender Saal mit Erfrischungen und zur Pause natürlich Kaffee und Kuchen. Das Setting ist also klar. Die Kultur-Uschi ist gespannt und freut sich auf einen spannenden Vormittag.

Es geht in allen Vortägen um die Digitalisierung der (Arbeits-)Welt und wie diese unser kulturelles Denken und Handeln beeinflusst. Das erste, was einem dazu einfällt sind Themen wie Fake News, Smombies, WhatsApp-Gruppen in der Grundschule, Datenklau oder -handel und ähnliches. Aber wie geht ein Museum mit Digitalisierung um? Was für Möglichkeiten und Gefahren offenbaren sich dieser 200 Jahre alten Institution, die nur schleppend hinterher kommt?

„Digitalisierung und gesellschaftliche Folgen“

Tolle Rednerin, toller Vortrag! Sabria David vom Slow Media Institut performte einen spannenden Vortrag über Medienresilienz, der Verknüpfung von digital und analog und endete mit einem Apell für die Rückeroberung des öffentlichen Raumes. Wow! Sie beschreibt die Beginne des Internets mit dem Wunsch sich miteinander zu verknüpfen und verfolgt gleichzeitig die Argumentation, dass wir in dieser Verknüpfung aneinander vorbei kommunizieren. Warum muss man ins Internet gehen um miteinander zu reden? Am besten hat das dieses Bild verdeutlicht:

What's wrong?
What’s wrong with this guy? © Cameron Power (@cap0w), pic.twitter.com/lTpCF5Y5QW

Ein anderes Beispiel, wie paradox der Wahn geworden ist sich selbst und andere im Internet zu teilen und sich darzustellen zeigt diese Aufnahme von Hillary Clinton bei einer Veranstaltung zum letzten Wahlkampf in den USA:

Selfie mit Hillary Clinton
Selfie mit Hillary Clinton

Nach Sabria David handelt es sich um eine „Culture of constant connection“ – eine Gesellschaft, die ständig in Kontakt ist, aber eben nur digital. Es ist eine Kunst, eine Komptenz zu erlernen um mit diesem – ja auch gesellschaftlichen – Druck umzugehen. Ein bewusster Umgang mit seinen Daten, Bildern und auch Meinungen ist wichtig und sollte auch bei Kindern und Jugendlichen gefördert bzw. angeleitet werden.

Das führt wiederrum zu einem Problem. Die Technik ist uns weit voraus. Sie ist unserer Kompetenz weit voraus. Wir laufen im Dauermarsch hinterher und schreien förmlich nach einer Pause, aber der Fortschritt denkt nicht dran zu warten. Warum auch? Er ist der Fortschritt.

Entwicklung digitaler Technologien im Verhältnis zur Nutzungskompetenz © Sabria David
Entwicklung digitaler Technologien im Verhältnis zur Nutzungskompetenz © Sabria David

Es geht also darum Lösungen zu finden.

Die Gesellschaft muss

  1. souveräne Mediennutzung erlernen,
  2. sich digitale Kompetenzen aneigenen und
  3. auch einen digitalen Arbeitsschutz integrieren.

Dafür macht Frau David sich stark.

„Die Rückeroberung des öffentlichen Raumes“

Wenn man aktuell an Verknüpfung untereinander denkt, ploppen sofort große Namen auf: amazon, facebook, Google etc. Alles Großkonzerne, die natürlich nicht wollen, dass wir vorsichtig mit unseren Daten umgehen. Die nicht wollen, dass wir überlegen, bevor wir ein Bild posten und einen Freund taggen. Diese Unternehmen verdienen Geld mit uns und freuen sich über jede Minute, die wir online verbringen.

Wir müssen uns unseren Raum zurückerobern. Wir brauchen einen öffentlichen Raum, der frei von Kommerz ist. Der Markplatz in der Stadt verlangt ja auch nicht ein ausgefülltes Profil, damit ich mir ein paar Kartoffeln kaufen kann. Es sollte doch eine Bereicherung sein, sich zu treffen – sei es nun digital oder analaog. In der Diskussion haben wir leider nicht darüber gesprochen wessen Aufgabe das ist, aber die Antwort liegt denke ich auf der Hand. Wenn Großkonzerne, zumal ausländische, die nicht mal hier in Deutschland Steuern zahlen, so viel Profit machen können, obliegt es der Politik hier einzugreifen. Vielleicht ist das hier auch ein Aufruf an die Programmierer, Developer, Edward Snowdons unter euch einfach mal wieder kreativ zu werden und ein freies, neues Netzwerk zu denken, dass sich unserer gesellschaftlichen Struktur anpasst und nicht umgekehrt.

„Out of Office – Wenn Roboter und KI für uns arbeiten“ – Die neue Ausstellung im Museum der Arbeit Hamburg

Flyer zur aktuellen Ausstellung im Museum der Arbeit in Hamburg "Out of Office"
Flyer zur aktuellen Ausstellung im Museum der Arbeit in Hamburg „Out of Office“

Prof. Dr. Rita Müller hat uns einen Eindruck in die Museumswelt gewährt. Eine bestimmt tolle Ausstellung (die Kultur-Uschis werden das prüfen), die an aktuelle Fragestellungen anknüpfen will. In Ihrem Vortrag stellt die Direktorin auch andere Punkte in den Vordergrund. Z.B. wie wichtig es ist einen Kooperationspartner zu haben. Einen Partner, der nicht nur in der Verlagswelt einen Fuß in der Tür hat, sondern auch das Thema aktiv mit gestalten will.

Die Zeit-Stiftung plante und führte nicht nur ein Eröffnungsfestival durch, sondern ermöglichte auch, dass ein Begleitheft in der Tageszeitung der „Zeit“ erscheint sowie die Publikation eines Magazins zur Ausstellung. Natürlich gab es auch inhaltlich viele Punkte, die die Stiftung einbrachte und zur Diskussion stellte.

Die digitale Abteilung im Museum – braucht man das?

Hier gingen die Meinungen etwas auseinander. Es ist klar, dass sich das Museum weiterentwicklen muss. Es ist klar, dass Digitalisierung eine entscheidende Rolle dabei spielen wird. Die Personalkompetenzen müssen allerdings gegeben sein und da wird es knifflig. Ein Museum kann sich natürlich dazu entschließen jemanden inhouse anzustellen, der die Fäden in der Hand hält. Als Schnittstelle zwischen den einzelnen Abteilungen agiert und kommuniziert. Allerdings sind die meisten Museen gar nicht in der Position das einfach so zu entscheiden und durchzuführen. Viele Menschen aus vielen Bereichen, auch außerhalb des Museums, sind an solchen Prozessen beteiligt. Meistens auch Menschen, die von Kulturmanagement, Vermittlung und Digialisierung keine Ahnung haben. Sie verstehen einfach nicht, warum es benötigt wird. „Das ging doch bisher auch immer so.“

Hier ist also die Aufgabe Aufklärung zu leisten. Immer wieder zu erklären, neu zu bewerten, zu überprüfen und immer wieder in Diskussionen einzusteigen, die auch auf kulturpolitischer Ebene geführt werden müssen.

Der Bundesverband der freiberuflichen Kulturwissenschaftler fragt sich natürlich spezifisch: Sollten oder müssen wir das leisten? Sind wir auch in der Pflicht uns mit Digitalisierung so auseinander zu setzen, dass wir beraten können? Oder holen wir Externe hinzu? Eine wirklich zufriedenstellende Antwort darauf gab es nicht. Manche waren dafür, manche dagegen. Man muss doch wissen, worüber man spricht und berät und agiert. Ja, kommt aber auch immer auf Thema, Team und Kompetenz an.

Fazit der Kultur-Uschi

Viele anregende Fragen wurden gestellt. Viele interessante Projekte sind entstanden oder werden noch entstehen. Es bleibt auf der einen Seite die Gewissheit, dass der Kultursektor allein nicht diese Mammutaufgabe stemmen kann. Die Politik wird das Problem an der Wurzel packen müssen und der Gesellschaft Spielraum und auch Handwerkszeug an die Hand geben müssen, um von der Digitaliseirung nicht abgehängt zu werden.

Im Kulturbereich wird es noch mal verzwickter. Komptenzen wollen hier erlernt werden, man will sich weiterentwickeln, tolle Projekte durchführen und heraus finden, was zur jeweils einzelnen Institution passt. Allerdings ist der Kultursektor der erste an dem gespart wird. Somit bleibt es die – wie ich finde wichtigste – Aufgabe der Museumsdirektoren immer wieder der Politik auf die Füße zu treten, sich zu positionieren und nie auf zu hören zu reden, zu reden und zu reden.

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