Philippe Vandenberg – Kamikaze

Die aktuelle Ausstellung der Hamburger Kunsthalle zeigt bis Februar zeitgenössische Positionen eines belgischen Künstlers – Philippe Vandenberg. Die bisher erste, größte und einzige monografische Ausstellung des Künstlers in Deutschland.

Man stutzt etwas, wenn man den Titel der Ausstellung liest. Noch verwunderter ist man, wenn man bemerkt, dass es sich um einen belgischen Künstler handelt, den die Hamburger Kunsthalle eine monografische, große Schau gewidmet hat. Diese Verwunderung bleibt beim Betreten des ersten Ausstellungsraumes – Bilder liegen auf dem Boden. Was hat sich die Kuratorin, Frau Dr. Brigitte Kölle, denn dabei gedacht?

Kill them all and we shall dance

36 Zeichnungen "Kill them all and dance"
36 Zeichnungen auf dem Boden des Ausstellungsraumes © Miriam Schmidt

Eigentlich ist es ganz simpel. Vandenberg legte diese Zeichnungen selbst immer wieder auf den Boden, drapierte sie, richtete sie aus und betrachtete sie. Arbeitete vielleicht daran weiter, ergänzte sie oder ließ es bleiben und räumte sie wieder bei Seite. Kunst ist ein Prozess.

Dies versucht die Kuratorin nach zu vollziehen und mit dieser Anordnung weiter zu vermitteln. Ein gelungener Auftakt.

Werk auf dem Boden - Kill them all and we chall dance
Kill them all © Miriam Schmidt

Göttlicher Wind

Aber noch mal einen Schritt zurück. Kamikaze ist der Titel der Ausstellung. Ein japanisches Wort, das man vorzugsweise mit einem japanischen Künstler oder einem entsprechenden Thema assoziieren würde. Aber der Titel orientiert sich an der Arbeitsweise des Künstlers. Übersetzt bedeutet Kamikaze „göttlicher Wind“ oder „der Wind von Gott geschickt“. Dieses Wort beschreibt sein künstlerisches Kredo – aus der Zerstörung entsteht etwas Neues.

Zeichnungen in kindlicher Schrift von Philippe Vandenberg
Zeichnungen in einer Reihe © Miriam Schmidt

Mit 120 Zeichnungen und Druckgrafiken zeigt sich ein durchaus großes Œvre Vandenbergs in diesem Bereich. Viele seiner Stücke drücken sich in Schrift und/oder Schriftzeichen aus. Geschrieben in bunten Farben – erinnern stark an Kinderschrift. Dies ist gewollt.

Extra für die Ausstellung angefertigter Tisch für die Präsentation der zeichnerischen Werke Vandenbergs, entworfen von Vandenbergs Sohn
Extra für die Ausstellung angefertigter Tisch für die Präsentation der zeichnerischen Werke Vandenbergs, entworfen von Vandenbergs Sohn © Miriam Schmidt

Die Abstraktion von Schrift geht über in eine Ornamentik, die Vandenberg in vollen Zügen ausschöpft und zu Papier bringt. Helle und dunkle Farbflächen wechseln sich ab. Quadrate und Rechtecke gehen auf Wanderschaft. Pinselstriche schmiegen sich aneinander und formen Harmonie und Symmeterie. Man kann sich in Vandenbergs Linien und Formen schnell verlieren.

Schaben, kratzen, reißen – geologische Schichten

Zerstörung, Angst, Gewalt und Trauer sind Themen, die immer wieder in den Werken und seinen Beschreibungen auftauchen. Verwirrende Kompositionen von Stacheldraht, Nabelschnur, Hunden und sich selbst verbrennenden Mönchen visualisieren Vandenbergs Kredo.

Passionsgeschichten in 73 Einzelbildern
Passionsgeschichten in 73 Einzelbildern © Miriam Schmidt

Die rund 80 ausgestellten Bilder, viele Ölgemälde darunter, unterstreichen Vandenbergs Arbeitsweise. Viele seiner Werke sind Prozesse. Immer wieder in seinem Atelier verschwunden, Jahre später wieder hervor geholt. Dann ging es mit Spachtel und Schaber der Farbe zu Leibe. Die Leinwände sehen aus, wie offene Wunden. Manche lassen rote Farbe durchscheinen. Blut?

Öl auf Leinwand, zerkratzt und abgeschabt
Öl auf Leinwand, zerkratzt und abgeschabt © Miriam Schmidt

Tatsächlich nutzte Vandenberg Blut um seine Werke zu vervollkommnen. Um ihnen etwas Menschliches, vielleicht auch Endliches mit zu geben. Das unten stehende Werk hat mich persönlich am meisten beeindruckt. Nicht weil es hauptsächlich mit Blut hergestellt wurde, sondern das fast schon wahnsinnig wirkende Lächeln. Dieses Lächeln hat mich an die Katze in Alice im Wunderland erinnert. Ein ruhiger, schlauer Charakter – möglicherweise wie Vandenberg selbst.

Kein Titel, ca. 1996, Blut, Kohle, Pauspaier auf Baumwolle, 200 x 200 cm, © The Estate of Philippe Vandenberg / Courtesy Hauser & Wirth.

Aber nicht nur Blut und sein Einsatz zeigen interessante Sichtweisen Vandenbergs auf. Das unten stehende Werk ist ein weiteres, das man sich in der Ausstellung genau anschauen sollte. Vor allem in Bezug auf seinen Titel. Man verbringt – vielleicht sogar ungewollt – einige Minuten vor dem Werk. Wundert sich, ist fasizieniert und schaut es sich genau an.

Mit dem Pinsel gegen die Makellosigkeit

Vandenberg nutzte die Malerei nicht nur als Mittel gegen seine immer wiederkehrenden Depressionen, sondern auch zum Widerstand. Widerstand gegen das Normale, das Angepasste. Er spricht Themen an, die nicht unbedingt gesellschaftskonform sind. Gegen die Makellosigkeit tritt er an mit seinem Kamikaze-Prinzip, mit seiner produktiven Zerstörung und der pastosen Malerei.

Ermöglichen von Neuem auf der Grundlage der Vernichtung des Alten.

Dieser Satz aus dem Ausstellungskatalog bleibt mir im Kopf.

Material, Aufarbeitung, Vermittlung

Themen und Stil Vandenbergs sind nicht einfach nach zu vollziehen, da sie auf den ersten Blick sehr abstrakt erscheinen. Die Vermittlung beschränkt sich in der Ausstellung auf Wandtexte und den ausgelegten Katalog. ABER: wer wirklich interessiert ist sollte sich auf der Homepage der Kunsthalle umsehen. Nicht nur Ausschnitte des Audioguides, sondern auch diverse Filme geben einen tollen und auch stellenweise berührenden Einblick in das Leben und Werk des Künstlers. Auch die Webseite Vandenbergs bietet tolle Möglichkeiten sich zu informieren.

Persönliches Fazit

Ich bin tatsächlich kein Fan zeitgenössischer Kunst. Auch die von Vandenberg behandelten Themen sind eher düster und schwierig zu verarbeiten. Trotzdem finde ich die Ausstellung sehr sehenswert und werde das Programm rund um das Thema wahrnehmen. Darüber hinaus finde ich die Zusammenarbeit mit der Familie Vandenberg sehr rührend. Nicht nur der Tisch in der Ausstellung ist von einem seiner Söhne gebaut, auch die Dokumentarfilme stammen von Vandenbergs zweiten Sohn. Sehr toller Ansatz!

Gibt auf jeden Fall ein großes Lob an das Team der Hamburger Kunsthalle!

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