Kultur-Uschis | Blog

Museumsbesuche, Städtetrips und vieles mehr

Die Kultur-Uschis gehen gerne auf Reisen. In diesem Blog versuchen wir unsere Eindrücke zu vermitteln. Wir schreiben nicht wissenschaftlich. Wir schreiben verständlich. Wir berichten aus Sicht der Besucher, nicht aus Sicht der Wissenschaftler.

In diesem Jahr (2018) waren wir schon in manchen Städten. Darunter unter anderem Bremen, Münster und Braunschweig. Hamburg liegt direkt vor der Haustür, genau wie Lüneburg. Daher spielen sich unsere kleinen Reisen eher im Norden ab. Wir sind aber guter Hoffnung, dass wir es auch mal gen Süden schaffen.

Der erste Beitrag ist sozusagen ein Heimspiel. Lest hier meinen ersten Artikel zur Ausstellungseröffnung von Entfesselte Natur in der Hamburger Kunsthalle.

 

Bild | Inhalt | Vermittler

Eine internationale Tagung des Deutschen Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte-Bildarchiv Foto Marburg beschäftigt sich im November 2018 mit den Relationen von Bild, Inhalt und Vermittler – warum?

Lahntreppen Marburg
Lahntreppen Marburg – jeder Student wird sie kennen! © Miriam Schmidt

Ich bin Kunsthistorikerin. In Marburg – der Stadt, wo ich dieses Fach studierte – fand im November 2018 eine interessante Tagung statt, die ich natürlich besuche. Nicht nur die Tagung, sondern auch meine alte Heimat. Es brauchte wirklich Zeit ein so komplexes Thema setzen zu lassen. In diesem Blog sollen die Themen verständlich – für jeden, nicht nur für Fachpublikum – aufgearbeitet werden. Daher musste ich mir für dieses spezielle Thema Zeit lassen. Zum Beispiel bei Croissant und Kaffee.

Work in Progress
Work in Progress © Miriam Schmidt

Das Bild | Die Struktur

Die Tagung ist sehr gut durchgeplant. Es sind drei Tage angesetzt für diverse Vorträge. Die Dozenten kommen aus Deutschland, Italien, den USA und anderen Ländern. Ein internationales Publikum, das sich kennt. Das ist offensichtlich. Ich als Neuling habe mich über meine Begegnungen mit ehemalige Komollitoninnen sehr gefreut. Entweder sind sie als Doktoranden anwesend, halten selbst Vorträge oder organisieren die Tagung. An dieser Stelle ein lieber Gruß an alle!

Programm der Tagung
Programm der Tagung © Miriam Schmidt

Der Saal in einem der Neubauten der Universität Marburg am Pilgrimstein ist voll besetzt. Die Begrüßungsworte und die Einführung übernimmt natürlich der Direktor des Deutschen Dokumentationszentrums für Kunstgeschichte – Bildarchiv Foto Marburg: Herr Prof. Dr. Hubert Locher (bei dem ich selbst studierte).

Prof. Dr. Hubert Locher bei seiner Begrüßung und Einführung
Prof. Dr. Hubert Locher bei seiner Begrüßung und Einführung © Miriam Schmidt

Herr Prof. Dr. Locher skizziert die Geschichte des Dokumentationszentrums, auch des kunstgeschichtlichen Instituts in Marburg mit samt seinen prägenden Persönlichkeiten. Es geht um die praktische Umsetzung der Lehre im Institut – sprich um Bilder, die in Kontexte gesetzt, mit Inhalt gefüllt und analysiert werden. Aber auch Sammlungsgeschichte spielt eine Rolle. Text und Bild, Bücher und Dias (das sind diese kleinen Plastikrahmen mit Bildern drin), werden getrennt voneinander archiviert, katalogisiert und genutzt.

Das Bild | Die Themen

Die Themen der Tagung variieren. Die folgende Auflistung soll zeigen, wie vielfältig der Themenschatz war, mit denen sich Forscher auf der ganzen Welt beschäftigen:

  • Lehrmedien (Bilder) in Klassischer Archäologie und Kunstgeschichte
  • Sammlungen von Lehrmedien: Aufarbeitung und Dokumentation
  • Digitale Präsentation – Powerpoint und Co.: aktueller denn je!
  • Bild und Bildung im 19. und 20. Jahrhundert – an Schulen!
  • Fotogeschichte – eine junge Geschichte
  • Volksbildung mit Film und Bild – denken wir nur mal an die Wochenschau
  • Lehrbücher für Frauen – Frauen brauchten offensichtlich andere Bilder und Texte…
  • Media Archeology oder Topos Archeology

Das Bild | Die Präsentation

Die Keynote (ein herausragend präsentierter Vortrag eines meist prominenten Redners oder professionellen Grundsatzreferenten – vielen Dank Wikipedia!) am Ende des ersten Abends ist vortrefflich gewählt. Prof. Dr. Robert Nelson aus New Haven beginnt mit einem glorreichen Satz, der sehr schön wissenschaftliches Arbeiten, Vortragen und auch Leben beschreibt:

I know my role here. I stand between you and your drinks.

frei aus dem Gedächtnis

Man soll einen Vortrag angeblich immer mit einem Witz beginnen – also mich hat er von Anfang an.

Ich mag seinen Vortrag weil er so simpel, wie genial ist. Er beginnt damit zu erklären, wie der Sprecher sein Publikum einbindet. Wie er es überzeugen muss mit Sprache, Gestik und Mimik – und natürlich mit Bildern.

Er zeigt Ausschnitte eines Films (den ich, nicht wie er, unglaublich toll finde) Mona Lisa’s Smile mit Julia Roberts. Eine junge Dozentin versucht im puritanischen New England an einem Mädchencollege Kunstgeschichte zu unterrichten. Er zeigt explizit Szenen aus dem Hörsaal. Die alten Koffer mit den Dias, das Einrasten der Dias im Projektor, das Geräusch, wenn die Dias rein und wieder raus geschoben werden – herrlich! Ein simples Geräusch, das in jeder Präsentation dabei ist.

Szene aus dem Film "Mona Lisa's Smile"
Szene aus dem Film „Mona Lisa’s Smile“ © http://alproject.pixnet.net/blog/category/580674

Das Hirn verknüpft es sofort mit Bildern, obwohl es inhaltlich nichts damit zu tun hat. Selbst ich kenne das Geräusch noch aus archäologischen Vorlesungen, da meine Professorin nichts von Powepoint gehalten hat. Es findet eine unterbewusste Verknüpfung von Bild, Hilfsmittel und Vermittler statt. Der Dozent spricht exakt nach dem Geräusch des Projektors – er erläutert, zeigt und vermittelt.

Prof. Dr. Nelson spricht auch über Powerpoint als Hilfsmittel in der Digitalisierung – ein Programm, das seit 1990 auf allen Windows Computern läuft. Ein Urgestein der Digitalisierung also. Aber er geht nicht auf das Programm an sich ein. Ein Medium das eine deutliche Erleichterung im Arbeitsprozess von Dozenten darstellt, sondern redet bestimmt zehn Minuten über die Wahl der richtigen Hintergrundfarbe der Folien. Schwarz, Weiß, Hellgrau, Dunkelgrau, Rot oder sogar Grün?! Wie sich herausstellen wird, denkt am Abend jeder Dozent der Tagung über seine Farbwahl seiner Präsentation nach.

Das Bild | Die Bildung

Nicht nur Kunsthistoriker lernen anhand von Bildern. Wir alle lernen und lernten mit Bildern. Das ist vielleicht nicht jedem klar, aber Bilder begleiten uns den ganzen Tag. Es gibt wichtige Bilder und unwichtige Bilder. Unsere Wahrnehmung ist natürlich selektiv. Unser Hirn will oder kann nur das verarbeiten, was es für lebensnotwendig hält. In der Bildung oder eben im Schulwesen erkennt man relativ früh, wie wichtig für Kinder Bilder zum Verständnis von Inhalten sind.

Dr. Kerstin Schwedes bei ihrem Vortrag zum Thema Bilder und Bildung im frühen 20. Jahrhundert.
Dr. Kerstin Schwedes bei ihrem Vortrag zum Thema Bilder und Bildung im frühen 20. Jahrhundert © Miriam Schmidt

In ihrem Vortrag skizziert Dr. Schwedes das Schulwesen in Deutschland um 1900. Hier ist ein Aufschwung des Schulbuches zu verzeichnen. Man erkennt, dass eine bildnerische Untermalung des Inhaltes – am Besten mit Kindern und Tieren – die Schüler eher ansprechen als reiner Text. Das ansprechende, repetierende Lernen durch Motivbilder rückt in den Fokus der Vermittlung. Viele Künstler, die solche Motivbilder anfertigen, sind zum Teil selbst bei historischen Ereignissen noch dabei und sichern damit die Authenzität des Bildes. Eigentlich sind diese Erkenntnisse logisch, wenn man kurz darüber nachdenkt, aber wann denkt man schon mal darüber nach, warum dieses oder jenes Bild in einem alten Schulbuch enthalten ist? Und wer die überhaupt gemacht hat? Diese Fragen habe ich mir als Schüler nicht gestellt… Mit dieser im Erkenntnis im Gepäck ist dieser Vortrag einer meiner Liebsten.

Das Bild | In der Forschung

Das Bild in der kunstgeschichtlichen Forschung nimmt einen immer wichtigeren Standpunkt ein. Ich persönlich hatte viele Aha-Momente auf der Tagung, obwohl ich vom Fach bin und mich mehr und intensiver damit beschäftigen könnte und vielleicht auch sollte.

Allerdings frage ich mich gleichzeitig, ob Fachfremde, Laien oder einfach Interessierte nachvollziehen können, was da beforscht wird und warum. Würde es nicht Sinn machen eine Wissenschaftskommunikation aufzubauen, die versucht zu vermitteln. Nicht nur inhaltlich, sondern auch menschlich?

Ich könnte auch noch provokanter fragen: Wenn ich einem „normalen“ Menschen auf der Straße erklären würde, dass andere Menschen dafür bezahlt werden (über Drittmittel, vom Staat, mit Steuern etc.), dafür dass sie sich mit der Beforschung von Lerhmitteln, Bildern, Dias, Fotos etc. beschäftigen, was meint ihr, wie dieser „normale“ Mensch reagiert?

Die Frage nach dem Warum? bleibt mir auf jeden Fall im Kopf. Die Frage Warum? kann man natürlich auf alle anderen Forschungsgebiete anwenden. Bleibt aber, finde ich, vor allem bei einem Fach wie Kunstgeschichte, noch stärker als bei einem anderen wissenschaftlichen Gebiet, im Gedächtnis.

Anmerkungen

  • Bild sollte hier als Platzhalter verstanden werden für die mannigfaltigen Begriffe, die auf der Tagung genutzt wurden. Der Einfachheit halber benutze ich in dem Artikel nur ein Wort.
  • Nicht alle hervorragenden Vorträge konnten besprochen werden – ich bitte um Verständnis.
  • Mein Artikel kann lediglich einen Einblick in die Komplexität geben.
  • Ich bedanke mich für die tolle Unterstützung durch die Organisatoren der Tagung!

Philippe Vandenberg – Kamikaze

Die aktuelle Ausstellung der Hamburger Kunsthalle zeigt bis Februar zeitgenössische Positionen eines belgischen Künstlers – Philippe Vandenberg. Die bisher erste, größte und einzige monografische Ausstellung des Künstlers in Deutschland.

Man stutzt etwas, wenn man den Titel der Ausstellung liest. Noch verwunderter ist man, wenn man bemerkt, dass es sich um einen belgischen Künstler handelt, den die Hamburger Kunsthalle eine monografische, große Schau gewidmet hat. Diese Verwunderung bleibt beim Betreten des ersten Ausstellungsraumes – Bilder liegen auf dem Boden. Was hat sich die Kuratorin, Frau Dr. Brigitte Kölle, denn dabei gedacht?

Kill them all and we shall dance

36 Zeichnungen "Kill them all and dance"
36 Zeichnungen auf dem Boden des Ausstellungsraumes © Miriam Schmidt

Eigentlich ist es ganz simpel. Vandenberg legte diese Zeichnungen selbst immer wieder auf den Boden, drapierte sie, richtete sie aus und betrachtete sie. Arbeitete vielleicht daran weiter, ergänzte sie oder ließ es bleiben und räumte sie wieder bei Seite. Kunst ist ein Prozess.

Dies versucht die Kuratorin nach zu vollziehen und mit dieser Anordnung weiter zu vermitteln. Ein gelungener Auftakt.

Werk auf dem Boden - Kill them all and we chall dance
Kill them all © Miriam Schmidt

Göttlicher Wind

Aber noch mal einen Schritt zurück. Kamikaze ist der Titel der Ausstellung. Ein japanisches Wort, das man vorzugsweise mit einem japanischen Künstler oder einem entsprechenden Thema assoziieren würde. Aber der Titel orientiert sich an der Arbeitsweise des Künstlers. Übersetzt bedeutet Kamikaze „göttlicher Wind“ oder „der Wind von Gott geschickt“. Dieses Wort beschreibt sein künstlerisches Kredo – aus der Zerstörung entsteht etwas Neues.

Zeichnungen in kindlicher Schrift von Philippe Vandenberg
Zeichnungen in einer Reihe © Miriam Schmidt

Mit 120 Zeichnungen und Druckgrafiken zeigt sich ein durchaus großes Œvre Vandenbergs in diesem Bereich. Viele seiner Stücke drücken sich in Schrift und/oder Schriftzeichen aus. Geschrieben in bunten Farben – erinnern stark an Kinderschrift. Dies ist gewollt.

Extra für die Ausstellung angefertigter Tisch für die Präsentation der zeichnerischen Werke Vandenbergs, entworfen von Vandenbergs Sohn
Extra für die Ausstellung angefertigter Tisch für die Präsentation der zeichnerischen Werke Vandenbergs, entworfen von Vandenbergs Sohn © Miriam Schmidt

Die Abstraktion von Schrift geht über in eine Ornamentik, die Vandenberg in vollen Zügen ausschöpft und zu Papier bringt. Helle und dunkle Farbflächen wechseln sich ab. Quadrate und Rechtecke gehen auf Wanderschaft. Pinselstriche schmiegen sich aneinander und formen Harmonie und Symmeterie. Man kann sich in Vandenbergs Linien und Formen schnell verlieren.

Schaben, kratzen, reißen – geologische Schichten

Zerstörung, Angst, Gewalt und Trauer sind Themen, die immer wieder in den Werken und seinen Beschreibungen auftauchen. Verwirrende Kompositionen von Stacheldraht, Nabelschnur, Hunden und sich selbst verbrennenden Mönchen visualisieren Vandenbergs Kredo.

Passionsgeschichten in 73 Einzelbildern
Passionsgeschichten in 73 Einzelbildern © Miriam Schmidt

Die rund 80 ausgestellten Bilder, viele Ölgemälde darunter, unterstreichen Vandenbergs Arbeitsweise. Viele seiner Werke sind Prozesse. Immer wieder in seinem Atelier verschwunden, Jahre später wieder hervor geholt. Dann ging es mit Spachtel und Schaber der Farbe zu Leibe. Die Leinwände sehen aus, wie offene Wunden. Manche lassen rote Farbe durchscheinen. Blut?

Öl auf Leinwand, zerkratzt und abgeschabt
Öl auf Leinwand, zerkratzt und abgeschabt © Miriam Schmidt

Tatsächlich nutzte Vandenberg Blut um seine Werke zu vervollkommnen. Um ihnen etwas Menschliches, vielleicht auch Endliches mit zu geben. Das unten stehende Werk hat mich persönlich am meisten beeindruckt. Nicht weil es hauptsächlich mit Blut hergestellt wurde, sondern das fast schon wahnsinnig wirkende Lächeln. Dieses Lächeln hat mich an die Katze in Alice im Wunderland erinnert. Ein ruhiger, schlauer Charakter – möglicherweise wie Vandenberg selbst.

Kein Titel, ca. 1996, Blut, Kohle, Pauspaier auf Baumwolle, 200 x 200 cm, © The Estate of Philippe Vandenberg / Courtesy Hauser & Wirth.

Aber nicht nur Blut und sein Einsatz zeigen interessante Sichtweisen Vandenbergs auf. Das unten stehende Werk ist ein weiteres, das man sich in der Ausstellung genau anschauen sollte. Vor allem in Bezug auf seinen Titel. Man verbringt – vielleicht sogar ungewollt – einige Minuten vor dem Werk. Wundert sich, ist fasizieniert und schaut es sich genau an.

Mit dem Pinsel gegen die Makellosigkeit

Vandenberg nutzte die Malerei nicht nur als Mittel gegen seine immer wiederkehrenden Depressionen, sondern auch zum Widerstand. Widerstand gegen das Normale, das Angepasste. Er spricht Themen an, die nicht unbedingt gesellschaftskonform sind. Gegen die Makellosigkeit tritt er an mit seinem Kamikaze-Prinzip, mit seiner produktiven Zerstörung und der pastosen Malerei.

Ermöglichen von Neuem auf der Grundlage der Vernichtung des Alten.

Dieser Satz aus dem Ausstellungskatalog bleibt mir im Kopf.

Material, Aufarbeitung, Vermittlung

Themen und Stil Vandenbergs sind nicht einfach nach zu vollziehen, da sie auf den ersten Blick sehr abstrakt erscheinen. Die Vermittlung beschränkt sich in der Ausstellung auf Wandtexte und den ausgelegten Katalog. ABER: wer wirklich interessiert ist sollte sich auf der Homepage der Kunsthalle umsehen. Nicht nur Ausschnitte des Audioguides, sondern auch diverse Filme geben einen tollen und auch stellenweise berührenden Einblick in das Leben und Werk des Künstlers. Auch die Webseite Vandenbergs bietet tolle Möglichkeiten sich zu informieren.

Persönliches Fazit

Ich bin tatsächlich kein Fan zeitgenössischer Kunst. Auch die von Vandenberg behandelten Themen sind eher düster und schwierig zu verarbeiten. Trotzdem finde ich die Ausstellung sehr sehenswert und werde das Programm rund um das Thema wahrnehmen. Darüber hinaus finde ich die Zusammenarbeit mit der Familie Vandenberg sehr rührend. Nicht nur der Tisch in der Ausstellung ist von einem seiner Söhne gebaut, auch die Dokumentarfilme stammen von Vandenbergs zweiten Sohn. Sehr toller Ansatz!

Gibt auf jeden Fall ein großes Lob an das Team der Hamburger Kunsthalle!

„Schöne Aussichten“ Chancen und Probleme der Digitalisierung – Tagungsbesuch beim Verband der freiberuflichen Kulturwissenschaftler

Eine Kultur-Uschi war am letzten Wochenende mal wieder auf Tour! Leipzig heißt die Stadt der Wahl, in der die MUTEC und die denkmal dieses Jahr ihre Messe abgehalten haben. Das Messeduo hat einen neuen Besucherrekord aufgestellt: 13 900 Besucher konnten von Donnerstag bis Samstag einen Einblick erhalten in aktuelle Entwicklungen der Denkmalpflege und Ausstellungspräsentation sowie museale Infrastruktur. Rund um die Messe mit Ausstellern und Vorträgen, waren Seminare, Workshops und Tagungen organisiert.

Messe Leipzig
Herrliches Wetter zur Messe in Leipzig

Die Tagung „Schöne Aussichten? Chancen und Probleme der Digitalisierung im Arbeitsfeld Museum“ richtete sich in erster Linie an freiberufliche Kulturwissenschaftler, aber auch an den klassischen Museumsmenschen. So war z.B. Prof. Dr. Rita Müller, Museumsdirektorin des Museums der Arbeit aus Hamburg angereist um auch einen Vortrag über die aktuelle Ausstellung „Out of Office“ vorzustellen. Aber der Reihe nach.

Worum genau geht es eigentlich?

Die Tagung war klassisch aufgemacht. Vier Vorträge, eine Kaffeepause, Diskussionen im Anschluss an jeden Vortrag. Ein passender Saal mit Erfrischungen und zur Pause natürlich Kaffee und Kuchen. Das Setting ist also klar. Die Kultur-Uschi ist gespannt und freut sich auf einen spannenden Vormittag.

Es geht in allen Vortägen um die Digitalisierung der (Arbeits-)Welt und wie diese unser kulturelles Denken und Handeln beeinflusst. Das erste, was einem dazu einfällt sind Themen wie Fake News, Smombies, WhatsApp-Gruppen in der Grundschule, Datenklau oder -handel und ähnliches. Aber wie geht ein Museum mit Digitalisierung um? Was für Möglichkeiten und Gefahren offenbaren sich dieser 200 Jahre alten Institution, die nur schleppend hinterher kommt?

„Digitalisierung und gesellschaftliche Folgen“

Tolle Rednerin, toller Vortrag! Sabria David vom Slow Media Institut performte einen spannenden Vortrag über Medienresilienz, der Verknüpfung von digital und analog und endete mit einem Apell für die Rückeroberung des öffentlichen Raumes. Wow! Sie beschreibt die Beginne des Internets mit dem Wunsch sich miteinander zu verknüpfen und verfolgt gleichzeitig die Argumentation, dass wir in dieser Verknüpfung aneinander vorbei kommunizieren. Warum muss man ins Internet gehen um miteinander zu reden? Am besten hat das dieses Bild verdeutlicht:

What's wrong?
What’s wrong with this guy? © Cameron Power (@cap0w), pic.twitter.com/lTpCF5Y5QW

Ein anderes Beispiel, wie paradox der Wahn geworden ist sich selbst und andere im Internet zu teilen und sich darzustellen zeigt diese Aufnahme von Hillary Clinton bei einer Veranstaltung zum letzten Wahlkampf in den USA:

Selfie mit Hillary Clinton
Selfie mit Hillary Clinton

Nach Sabria David handelt es sich um eine „Culture of constant connection“ – eine Gesellschaft, die ständig in Kontakt ist, aber eben nur digital. Es ist eine Kunst, eine Komptenz zu erlernen um mit diesem – ja auch gesellschaftlichen – Druck umzugehen. Ein bewusster Umgang mit seinen Daten, Bildern und auch Meinungen ist wichtig und sollte auch bei Kindern und Jugendlichen gefördert bzw. angeleitet werden.

Das führt wiederrum zu einem Problem. Die Technik ist uns weit voraus. Sie ist unserer Kompetenz weit voraus. Wir laufen im Dauermarsch hinterher und schreien förmlich nach einer Pause, aber der Fortschritt denkt nicht dran zu warten. Warum auch? Er ist der Fortschritt.

Entwicklung digitaler Technologien im Verhältnis zur Nutzungskompetenz © Sabria David
Entwicklung digitaler Technologien im Verhältnis zur Nutzungskompetenz © Sabria David

Es geht also darum Lösungen zu finden.

Die Gesellschaft muss

  1. souveräne Mediennutzung erlernen,
  2. sich digitale Kompetenzen aneigenen und
  3. auch einen digitalen Arbeitsschutz integrieren.

Dafür macht Frau David sich stark.

„Die Rückeroberung des öffentlichen Raumes“

Wenn man aktuell an Verknüpfung untereinander denkt, ploppen sofort große Namen auf: amazon, facebook, Google etc. Alles Großkonzerne, die natürlich nicht wollen, dass wir vorsichtig mit unseren Daten umgehen. Die nicht wollen, dass wir überlegen, bevor wir ein Bild posten und einen Freund taggen. Diese Unternehmen verdienen Geld mit uns und freuen sich über jede Minute, die wir online verbringen.

Wir müssen uns unseren Raum zurückerobern. Wir brauchen einen öffentlichen Raum, der frei von Kommerz ist. Der Markplatz in der Stadt verlangt ja auch nicht ein ausgefülltes Profil, damit ich mir ein paar Kartoffeln kaufen kann. Es sollte doch eine Bereicherung sein, sich zu treffen – sei es nun digital oder analaog. In der Diskussion haben wir leider nicht darüber gesprochen wessen Aufgabe das ist, aber die Antwort liegt denke ich auf der Hand. Wenn Großkonzerne, zumal ausländische, die nicht mal hier in Deutschland Steuern zahlen, so viel Profit machen können, obliegt es der Politik hier einzugreifen. Vielleicht ist das hier auch ein Aufruf an die Programmierer, Developer, Edward Snowdons unter euch einfach mal wieder kreativ zu werden und ein freies, neues Netzwerk zu denken, dass sich unserer gesellschaftlichen Struktur anpasst und nicht umgekehrt.

„Out of Office – Wenn Roboter und KI für uns arbeiten“ – Die neue Ausstellung im Museum der Arbeit Hamburg

Flyer zur aktuellen Ausstellung im Museum der Arbeit in Hamburg "Out of Office"
Flyer zur aktuellen Ausstellung im Museum der Arbeit in Hamburg „Out of Office“

Prof. Dr. Rita Müller hat uns einen Eindruck in die Museumswelt gewährt. Eine bestimmt tolle Ausstellung (die Kultur-Uschis werden das prüfen), die an aktuelle Fragestellungen anknüpfen will. In Ihrem Vortrag stellt die Direktorin auch andere Punkte in den Vordergrund. Z.B. wie wichtig es ist einen Kooperationspartner zu haben. Einen Partner, der nicht nur in der Verlagswelt einen Fuß in der Tür hat, sondern auch das Thema aktiv mit gestalten will.

Die Zeit-Stiftung plante und führte nicht nur ein Eröffnungsfestival durch, sondern ermöglichte auch, dass ein Begleitheft in der Tageszeitung der „Zeit“ erscheint sowie die Publikation eines Magazins zur Ausstellung. Natürlich gab es auch inhaltlich viele Punkte, die die Stiftung einbrachte und zur Diskussion stellte.

Die digitale Abteilung im Museum – braucht man das?

Hier gingen die Meinungen etwas auseinander. Es ist klar, dass sich das Museum weiterentwicklen muss. Es ist klar, dass Digitalisierung eine entscheidende Rolle dabei spielen wird. Die Personalkompetenzen müssen allerdings gegeben sein und da wird es knifflig. Ein Museum kann sich natürlich dazu entschließen jemanden inhouse anzustellen, der die Fäden in der Hand hält. Als Schnittstelle zwischen den einzelnen Abteilungen agiert und kommuniziert. Allerdings sind die meisten Museen gar nicht in der Position das einfach so zu entscheiden und durchzuführen. Viele Menschen aus vielen Bereichen, auch außerhalb des Museums, sind an solchen Prozessen beteiligt. Meistens auch Menschen, die von Kulturmanagement, Vermittlung und Digialisierung keine Ahnung haben. Sie verstehen einfach nicht, warum es benötigt wird. „Das ging doch bisher auch immer so.“

Hier ist also die Aufgabe Aufklärung zu leisten. Immer wieder zu erklären, neu zu bewerten, zu überprüfen und immer wieder in Diskussionen einzusteigen, die auch auf kulturpolitischer Ebene geführt werden müssen.

Der Bundesverband der freiberuflichen Kulturwissenschaftler fragt sich natürlich spezifisch: Sollten oder müssen wir das leisten? Sind wir auch in der Pflicht uns mit Digitalisierung so auseinander zu setzen, dass wir beraten können? Oder holen wir Externe hinzu? Eine wirklich zufriedenstellende Antwort darauf gab es nicht. Manche waren dafür, manche dagegen. Man muss doch wissen, worüber man spricht und berät und agiert. Ja, kommt aber auch immer auf Thema, Team und Kompetenz an.

Fazit der Kultur-Uschi

Viele anregende Fragen wurden gestellt. Viele interessante Projekte sind entstanden oder werden noch entstehen. Es bleibt auf der einen Seite die Gewissheit, dass der Kultursektor allein nicht diese Mammutaufgabe stemmen kann. Die Politik wird das Problem an der Wurzel packen müssen und der Gesellschaft Spielraum und auch Handwerkszeug an die Hand geben müssen, um von der Digitaliseirung nicht abgehängt zu werden.

Im Kulturbereich wird es noch mal verzwickter. Komptenzen wollen hier erlernt werden, man will sich weiterentwickeln, tolle Projekte durchführen und heraus finden, was zur jeweils einzelnen Institution passt. Allerdings ist der Kultursektor der erste an dem gespart wird. Somit bleibt es die – wie ich finde wichtigste – Aufgabe der Museumsdirektoren immer wieder der Politik auf die Füße zu treten, sich zu positionieren und nie auf zu hören zu reden, zu reden und zu reden.

„Die Große Verdi-Gala – Klassik Open Air“ auf Gut Basthorst

Am 02. September logierte die Festspieloper Prag auf dem Hamburg nahegelegenen Gut Basthorst. Geplant als Open Air Veranstaltung haben sich die Organisatoren kurzum entschlossen Giuseppe Verdis Meisterwerke im eigenen, umgebauten Kuhstall aufzuführen. Eine tolle und unkonventionelle Location für das gesungene Wort.

Kronleuchter im Kuhstall
Die Kristallleuchter im Kuhstall des Guts Basthorst verleihen dem alten Dachstuhl einen gewissen Flair. © Miriam Schmidt

Die Kultur-Uschis hatten tatsächlich mal Glück und gewannen bei einem Gewinnspiel von Gut Basthorst auf Facebook zwei Karten für die große Open Air Gala. Also schmissen wir uns in unsere Opern-Outfits, samt Jacken für die lauschige Sommernacht, und haben uns wiedergefunden auf dem Gut Basthorst. Zu unserem Erstaunen, das Wetter war durchaus angenehm, wurde das Geschehen auf den Dachboden eines Kuhstalls verlegt. Das Wetter im Norden ist ja wirklich unberechenbar.

Das Publikum auf den Heuboden
Geschätzte hundert Personen haben auf dem Heuboden des ehemaligen Kuhstalls ihre Plätze eingenommen. © Miriam Schmidt

Mit einem Wein und unseren Jacken bewaffnet haben wir den Heuboden erklommen und schnell schöne Seitenplätze ergattert. Begrüßt wurden wir von Enno Freiherr von Ruffin und seinem Terrier. Eigentlich hat der Vierbeiner ihm die Show gestohlen. Mit einer Selbstverständlichkeit folgte er seinem Herrchen auf die Bühne, blickte forsch in die Menge, drehte eine Runde und ging dann wieder mit Herrchen ab. Die Begrüßung ging so an uns vorbei.

Das Ambiente verzaubert – der Gesang verzückt

Die erste Hälfte, die ersten fünfzig Minuten, flogen vorbei. Die Pause ebenso. Ein kleiner Gang über das Gelände des Gutes hat die Beine gelockert. Viele kleine Bauten ziehen sich über den Hof. Überall landwirtschaftliche Maschinen, die Gastwirtschaft hat den Außenbereich mit Pflanzen dekoriert, weiße Balken fassen Backstein. In vergangenen Zeiten galt man übrigens als „steinreich“, wenn man die Gefache seiner Häuser mit Backstein auskleiden konnte. Und hier auf Gut Basthorst gibt es viel Backstein.

Herrenhaus Basthorst
Ein Blick auf das Herrenhaus des Gutes. © frei

Das gesungene Wort – Träger von Emotionen

Mit Musik aus Aida, Rigoletto, La Traviata, Der Troubadour, Don Carlos und Nabucco geht weiter. Als Nicht-so-oft-Opern-Gänger können wir die einzelnen Stücke keiner genauen Oper zuordnen. Aber das ist egal. Einfach mal schöne Musik konsumieren. Den Gewinn genießen – darum ging es. Und das ist definitiv gelungen. In der zweiten Hälfte geht es um eine offensichtliche Liebesgeschichte.

Sopranistin in Weiß
Die Sopranistin in Weiß – ihr Solo hat den Kuhstall verzaubert. © Miriam Schmidt

Die Dame in Weiß scheint jung zu sein, wie das weiße Kleid andeutet. Sie wird umgarnt von einem stattlichen Kavalier in Uniform. Dieser lässt sich aber von diversen Damen – der Dame in Blau besonders – den Kopf verdrehen. Das Drama ist vorprogrammiert.

Drama Baby, Drama!

Nach einem effektvollen Hin und Her verwandelt sich die weiße Sopranistin in eine rot-schwarz gekleidet Frau, entschlossen ihren Schwarm zurück zu gewinnen. Dies tritt natürlich auch ein. Am Ende kriegen sie sich nämlich doch. Trotzdem war der Weg dahin – obwohl schon verkürzt, da wir ja nicht die komplette Geschichte durchlebt haben – steinig.

Das Drama nimmt seinen Lauf
Der Kavalier ist abgelenkt. Die Dame in Weiß ist verwirrt und wird eifersüchtig auf die Dame in Blau. © Miriam Schmidt

Chor und Orchester

Natürlich waren die Hauptdarsteller nicht alleine auf der Bühne. Das Orchester hat bei der Begleitung ganze Arbeit geleistet. Der Chor hatte am Anfang kleine Schwierigkeiten. Man war nicht immer auf den Punkt, aber das änderte sich schnell. Keiner der Sänger hatte ein Mikro, alles war live und stimmgewaltig. Wirklich ein tolles Erlebnis!

Wissenswertes

Ausgewählt, zusammengestellt und in Szene gesetzt wurden die Stücke von dem bekannten tschechischen Bariton und Regisseur Oldich Kriz, der auch selbst auf der Bühne stand. Mehrmals blickte er verschmitzt, fast schelmisch ins Publikum. Die musikalische Leitung hat Richard Hein inne, der seit 1997 Dirigent an der Staatsoper Prag ist.

Das Ende
Zum Schluss gehören natürlich alle auf die Bühne. Dirigent, Solisten, Chor. © Miriam Schmidt

Programmhighlights

 Aida

“Gloria all’Egitto”

Don Carlo

„Dio che nell’alma infondere“

Il trovatore

“Vedi! Le fosche notturne spoglie de’cieli” (Amboss-Chor)

“Di quella pira”

Rigoletto

“Questa o quella”

“Caro nome, che il mio cor”

“La donna è mobile”

La traviata

“Sempre libera”

Nabucco

Vorspiel

Gefangenenchor: “Va pensiero, sull´ali dorate”

Entfesselte Natur – Entfesselter Kurator

Die Hamburger Kunsthalle eröffnete am 28. Juni ihre neue Sonderausstellung „Entfesselte Natur – Das Bild der Katastrophe seit 1600“. In Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Kunstgeschichte/Bildwissenschaften der Universität Passau ist eine reiche Schau entstanden, die auf anderen Wegen versucht ein Bild der Katastrophe durch die Jahrhunderte zu zeichnen. Mit ein paar Einblicken beschreibe ich, wie die Macher eine neue Art der Vermittlung in Angriff nehmen.

Die Eröffnung beginnt mit den üblichen Reden der üblichen Verdächtigen. Dann kommen die Kuratoren der Ausstellung auf die Bühne. Dr. Markus Bertsch hat die Projektleitung und nennt diverse Katastrophen. Er landet sofort einen Lacher mit einer Bemerkung zum Ausscheiden der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der WM in Russland – eine Katastrophe. Das Eis ist gebrochen.

Werner-Otto-Saal
Der Werner-Otto-Saal wird für Ausstellungseröffnungen regelmäßig genutzt. © Kunsthalle Hamburg

Der Kurator schwärmt von der Zusammenarbeit zwischen den vielen beteiligten Parteien – intern, wie extern. Man wird aufmerksam bei dem großen Museumsnamen „Louvre“. Bertsch steht lächelnd, wie ein kleiner Junge hinter dem Pult: „Wir haben einfach mal fünf Bilder angefragt, in der Hoffnung vielleicht ein oder zwei zu bekommen – und dann haben wir alle bekommen. Das war großartig!“

Entfesselte Ausstellung

Er lobt weiter die Möglichkeit über die Grenzen seiner Abteilung (Sammlung 19. Jahrhundert) hinaus zu denken und Werke anderer Epochen einzubinden. Offenbar etwas Besonderes in der Hamburger Kunsthalle.

Bertsch ist der letzte Redner und entlässt das Publikum in die Ausstellung. Ich mag diesen Teil nicht so besonders. Die Leute sind entfesselt und die Katastrophe nimmt seinen Lauf. Alle schieben sich mehr oder minder genervt an den Werken vorbei. Versuchen die Objekttexte zu lesen. Sehen dabei natürlich gebannt, interessiert und sowieso intellektuell aus. Ich rausche einmal durch, nehme schnelle Impressionen auf und komme eine Woche später, an einem Wochentag (!), wieder.

Natur entfesselt – Feuer, Wasser, Luft und Erde

201 Werke: verschiedenste Epochen, Stilrichtungen und Medien sind vertreten.

Ich werde zu Beginn der Schau mit aufgewühlter See begrüßt. Alle Räume sind Katastrophen zugeordnet. Ganz klassisch beginnen die Kuratoren ihre Präsentation – chronologisch korrekt – mit mythologischen und biblischen Katastrophen. Zeitgenössische Kunst hängt, steht, läuft (Bewegtbild) mit Neuzeitlicher in einem Raum. Eine genaue Abfolge der Räume und Themen findet ihr auf der Homepage der Hamburger Kunsthalle.

Sogar ein wenig Lokalkolorit ist dabei. Die ersten dokumentarischen Daguerreotypien, die nach dem Hamburger Brand 1842 von Hermann Biow (1804-1850) angefertigt wurden bieten dem Hamburger Identifikationsmöglichkeiten mit der eigenen Geschichte. Die Daguerreotypie wurde erst drei Jahre zuvor erfunden.

Blick auf die Nikolaikirche in Hamburg nach dem Brand von 1842, Hermann Biow, 1842, Daguerrotypie, 7,20×9,80cm, Museum für Kunst und Gewerbe, public domain

Diese Fülle an Bildern und Inhalten kann zwei Effekte am Ende der Ausstellung haben. Entweder „Gott sei Dank, ich dachte schon es hört nie auf.“ oder „Endlich hat sich das Geld mal gelohnt.“ Dieses Urteil wird vom Besucher nach dem letzten Werk gefällt. Totale Erleichterung oder Freude über sinnvoll verbrachte Zeit.

Zeitgenössische und neuzeitliche Natur reden miteinander

Die Fülle ist aber nicht das Besondere der Ausstellung, sondern der Versuch zeitgenössische Kunst mit „den alten Schinken“ zu verknüpfen. Es werden beispielsweise zeitgenössische Werke von Bernhard Martin, Aloys Rump oder auch Videoloops von Marikke Heinz-Hoeck gezeigt. Zusammen mit neuzeitlichen Werken des 18. Jahrhunderts von Heinrich Füssli, Joseph Wright of Derby oder Caspar David Friedrich, dem Rockstar der Hamburger Kunsthalle, ist das schon eine wilde Mischung.

Ein schönes Besipiel ist der „Bruch des St. Anthonisdeichs nahe Amsterdam 1651“ und dem aktuellen Werk von Kota Ezawa.

Sie hängen im selben Raum. Mehr Interaktion zwischen den beiden Werken gibt es nicht. Ist das bereits ausreichend um eine Verbindung herzustellen? Oder geht da noch mehr? Ist das eine gute Möglichkeit das Thema darzustellen?

Geglücktes Konzept?

Ich glaube, das muss jeder Besucher für sich entscheiden. Viele Besucher sind begeistert, wenn Ausstellungshäuser unkonventionell sind, ausbrechen, sich entfesseln und kontrovers sind. Viele schätzen aber auch die klassische Kunstvermittlung. Schlendern und staunen in ehrfurchtvoller Stille einer Epoche ist für viele der absolute Genuss.

Die Frage, ob das gute Kunstvermittlung ist, bleibt für mich offen. Es ist ein guter Ansatz mit Potenzial, der sich noch durchsetzen muss. Sehenswert ist die Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle in jedem Fall und das Haus an sich mit seiner umfangreichen Sammlung immer einen Besuch wert.