Entfesselte Natur – Entfesselter Kurator

Die Hamburger Kunsthalle eröffnete am 28. Juni ihre neue Sonderausstellung „Entfesselte Natur – Das Bild der Katastrophe seit 1600“. In Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Kunstgeschichte/Bildwissenschaften der Universität Passau ist eine reiche Schau entstanden, die auf anderen Wegen versucht ein Bild der Katastrophe durch die Jahrhunderte zu zeichnen. Mit ein paar Einblicken beschreibe ich, wie die Macher eine neue Art der Vermittlung in Angriff nehmen.

Die Eröffnung beginnt mit den üblichen Reden der üblichen Verdächtigen. Dann kommen die Kuratoren der Ausstellung auf die Bühne. Dr. Markus Bertsch hat die Projektleitung und nennt diverse Katastrophen. Er landet sofort einen Lacher mit einer Bemerkung zum Ausscheiden der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der WM in Russland – eine Katastrophe. Das Eis ist gebrochen.

Werner-Otto-Saal
Der Werner-Otto-Saal wird für Ausstellungseröffnungen regelmäßig genutzt. © Kunsthalle Hamburg

Der Kurator schwärmt von der Zusammenarbeit zwischen den vielen beteiligten Parteien – intern, wie extern. Man wird aufmerksam bei dem großen Museumsnamen „Louvre“. Bertsch steht lächelnd, wie ein kleiner Junge hinter dem Pult: „Wir haben einfach mal fünf Bilder angefragt, in der Hoffnung vielleicht ein oder zwei zu bekommen – und dann haben wir alle bekommen. Das war großartig!“

Entfesselte Ausstellung

Er lobt weiter die Möglichkeit über die Grenzen seiner Abteilung (Sammlung 19. Jahrhundert) hinaus zu denken und Werke anderer Epochen einzubinden. Offenbar etwas Besonderes in der Hamburger Kunsthalle.

Bertsch ist der letzte Redner und entlässt das Publikum in die Ausstellung. Ich mag diesen Teil nicht so besonders. Die Leute sind entfesselt und die Katastrophe nimmt seinen Lauf. Alle schieben sich mehr oder minder genervt an den Werken vorbei. Versuchen die Objekttexte zu lesen. Sehen dabei natürlich gebannt, interessiert und sowieso intellektuell aus. Ich rausche einmal durch, nehme schnelle Impressionen auf und komme eine Woche später, an einem Wochentag (!), wieder.

Natur entfesselt – Feuer, Wasser, Luft und Erde

201 Werke: verschiedenste Epochen, Stilrichtungen und Medien sind vertreten.

Ich werde zu Beginn der Schau mit aufgewühlter See begrüßt. Alle Räume sind Katastrophen zugeordnet. Ganz klassisch beginnen die Kuratoren ihre Präsentation – chronologisch korrekt – mit mythologischen und biblischen Katastrophen. Zeitgenössische Kunst hängt, steht, läuft (Bewegtbild) mit Neuzeitlicher in einem Raum. Eine genaue Abfolge der Räume und Themen findet ihr auf der Homepage der Hamburger Kunsthalle.

Sogar ein wenig Lokalkolorit ist dabei. Die ersten dokumentarischen Daguerreotypien, die nach dem Hamburger Brand 1842 von Hermann Biow (1804-1850) angefertigt wurden bieten dem Hamburger Identifikationsmöglichkeiten mit der eigenen Geschichte. Die Daguerreotypie wurde erst drei Jahre zuvor erfunden.

Blick auf die Nikolaikirche in Hamburg nach dem Brand von 1842, Hermann Biow, 1842, Daguerrotypie, 7,20×9,80cm, Museum für Kunst und Gewerbe, public domain

Diese Fülle an Bildern und Inhalten kann zwei Effekte am Ende der Ausstellung haben. Entweder „Gott sei Dank, ich dachte schon es hört nie auf.“ oder „Endlich hat sich das Geld mal gelohnt.“ Dieses Urteil wird vom Besucher nach dem letzten Werk gefällt. Totale Erleichterung oder Freude über sinnvoll verbrachte Zeit.

Zeitgenössische und neuzeitliche Natur reden miteinander

Die Fülle ist aber nicht das Besondere der Ausstellung, sondern der Versuch zeitgenössische Kunst mit „den alten Schinken“ zu verknüpfen. Es werden beispielsweise zeitgenössische Werke von Bernhard Martin, Aloys Rump oder auch Videoloops von Marikke Heinz-Hoeck gezeigt. Zusammen mit neuzeitlichen Werken des 18. Jahrhunderts von Heinrich Füssli, Joseph Wright of Derby oder Caspar David Friedrich, dem Rockstar der Hamburger Kunsthalle, ist das schon eine wilde Mischung.

Ein schönes Besipiel ist der „Bruch des St. Anthonisdeichs nahe Amsterdam 1651“ und dem aktuellen Werk von Kota Ezawa.

Sie hängen im selben Raum. Mehr Interaktion zwischen den beiden Werken gibt es nicht. Ist das bereits ausreichend um eine Verbindung herzustellen? Oder geht da noch mehr? Ist das eine gute Möglichkeit das Thema darzustellen?

Geglücktes Konzept?

Ich glaube, das muss jeder Besucher für sich entscheiden. Viele Besucher sind begeistert, wenn Ausstellungshäuser unkonventionell sind, ausbrechen, sich entfesseln und kontrovers sind. Viele schätzen aber auch die klassische Kunstvermittlung. Schlendern und staunen in ehrfurchtvoller Stille einer Epoche ist für viele der absolute Genuss.

Die Frage, ob das gute Kunstvermittlung ist, bleibt für mich offen. Es ist ein guter Ansatz mit Potenzial, der sich noch durchsetzen muss. Sehenswert ist die Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle in jedem Fall und das Haus an sich mit seiner umfangreichen Sammlung immer einen Besuch wert.

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