Die Kunsthalle Hamburg zeigt … Impressionismus

… was niemanden wirklich überrascht.

Erst auf den zweiten Blick erkennt man das Potenzial der Ausstellung und die Neuerungen, die der neue Direktor Prof. Dr. Alexander Klar, zusammen mit seinem Team, vorgenommen hat.

Aber von Anfang an. Die Hamburger Kunsthalle zeigt vom 07. November 2019 bis zum 01. März 2020 „Meisterwerke aus der Sammlung Ordrupgaard“, einem dänischen Versicherungsdirektors und seiner Frau. Diese haben Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts zwei unterschiedliche Kunstsammlungen strategisch aufgebaut. Der erste Teil dieser bemerkenswerten Sammlung wurde bereits von Mai bis September diesen Jahres unter dem Titel „Im Licht des Nordens“ in der Kunsthalle gezeigt. Der zweite Teil ist nun aktuell in der „Haspa-Galerie“, dem zweiten Stockwerk in der Galerie der Gegenwart, zu sehen.

Konfetti zur Ausstellung – Jubiläum in der Hamburger Kunsthalle mit Impressionisten. © Foto: Miriam Schmidt

Trotz des Namens der Ausstellung folgten Überraschungen

Meine erste Überraschung war der neue Direktor der Ausstellung. Nicht nur, dass die Pressekonferenz nicht wie sonst im Werner-Otto-Saal stattfand, sondern direkt in der Ausstellung, sondern auch, dass ich bei seiner Begrüßung kaum den Stift aus der Hand legen konnte.

Hier nur ein paar Stichworte, die ich in mein Notizheft kritzeln konnte (in keiner besonderen Reihenfogle):

  • die Erwähnung des Ausstellungsarchitekten, der immer noch fleißig an der einen oder anderen Stelle Zugange sei
  • man will nicht mehr gegen die Architektur kämpfen, sie einbeziehen in die Ausstellungsplanung
  • Raumerlebnisse schaffen
  • Museen sind vorsichtiger beim Einkauf, Sammler hingegen mutiger
  • die Hamburger Kunsthalle ist eines der ersten Häuser, die 1896 Avantgardekunst ankauft
Die Architektur öffnet sich © Foto: Miriam Schmidt
Die Architektur öffnet sich © Foto: Miriam Schmidt

Natürlich hat er auch alles erzählt, was ein Direktor bei einer solchen Gelegenheit sagen muss, wem er danken muss, etc. Trotzdem bleibt eines den ganzen Vormittag present: die Öffnung der Architektur nach Außen. Immer wieder brechen die Räume auf und man kann nach draußen sehen, kurz die Augen sich erholen lassen von der schnellen Linienführung, vom Verwischen der Farbe, den Pastelltönen – der l’impression.

Das Cover-Girl – auf Leinwand gebracht von einer Frau

Berthe Morisot (1841–1895) Mädchen auf der Wiese (Isabelle Lambert), 1885
Berthe Morisot (1841–1895) Mädchen auf der Wiese (Isabelle Lambert), 1885 Öl auf Leinwand, 74 x 60 cm Ordrupgaard, Kopenhagen © Foto: Anders Sune Berg

Die zweite Überraschung für mich war, dass das Cover-Girl, wie es liebevoll von der wissenschaftlichen Assistenz Frau Amelie Baader genannt wurde, von Berthe Morisot stammt. Für mich ein Novum, dass ein Werk einer weiblichen Künstlerin es auf das Titelbild eines Ausstellungskataloges schafft. Ausgenommen natürlich die Ausstellung behandelt nur weibliche Künstlerinnen. Nicht viele Besucher werden Berthe Morisot kennen. Eine Frau, die von Kindesbeinen an in ihrer Malerkarriere unterstützt wurde. Die Edouard Manet Modell saß (natürlich unter mütterlicher Aufsicht) und die auch in seine Familie einheiratete (seinen Bruder).

Überraschender Weise … ein MONET!

Wer sich in Paris die Seerosen von Claude Monet schon einmal angesehen hat oder auch sein L’impression l’avant weiß woran man einen Monet erkennt. In seiner dritten Lebensphase, die hauptsächlich bekannt ist bei dem „normalen Menschen“, dominieren Pastelltöne, flirrende Wasserflächen, sein Garten und seine Seerosen. Jeder hat sie schon mal gesehen. Ehrlich gesagt, war ich dankbar, dass es kein „typischer“ Monet war. Zwar geht sein Bild mit der Waterloo-Bridge in diese Richtung, hat aber eine ganz andere Intention. Es geht nicht in erster Linie um die Spiegelung im Wasser, es geht viel mehr um Atmosphäre, die Luft, verschmutzt von den Rauchschlöten Londons. Zurecht sagt jemand im Raum: „Ohne Smog würde es das heute nicht geben.“

Claude Monet, Waterloo-Bridge, 1903, Öl auf Leinwand, 65.5 x 100.5 cm, © Miriam Schmidt
Claude Monet (1840-1926), Waterloo-Bridge, 1903, Öl auf Leinwand, 65.5 x 100.5 cm, Ordrupgaard, Kopenhagen © Foto: Miriam Schmidt

Eine viel charmantere Geschichte verbirgt sich hinter einem anderen Gemälde von Monet, das sich auch in der Ausstellung befindet. Eigentlich recht unscheinbar, aber trotzdem groß. Warum?

Claude Monet (1840 - 1926) Die Straße von Chailly im Wald von Fontainbleau, 1865, Öl auf Leinwand, 97 x 130,5 cm, Ordruppgaard, Kopenhagen © Foto: Miriam Schmidt
Claude Monet (1840 – 1926) Die Straße von Chailly im Wald von Fontainbleau, 1865, Öl auf Leinwand, 97 x 130,5 cm, Ordruppgaard, Kopenhagen © Foto: Miriam Schmidt

Es diente als Vorstück für eine Reaktion auf Edouard Manets Frühstück im Grünen. Manet hat sehr viel Kritik für dieses Bild bekommen. Er wurde damit vom Salon abgelehnt, aus damals validen Gründen. Monet hingegen nahm sich dem Tema an. Versuchte etwas, ja man könnte sagen maßloses. Er legte das Bild auf fast 28m² an. Nicht mehr leistbar in Plein-air-Malerei, also der im Impressionismus so üblichen Malerei unter freiem Himmel.

28m² sind keine Plein-air-Malerei mehr

Er wollte mit diesem Bild in den Salon. Er wollte die Anerkennung der Kritiker und wollte seine Bilder auch marktreif machen.

Claude Monet (1840 - 1826), 1865–1866 Öl auf Leinwand 248,7 × 218 cm Musée d'Orsay, Paris, public domain
Claude Monet (1840 – 1826), 1865–1866 Öl auf Leinwand 248,7 × 218 cm Musée d’Orsay, Paris, public domain

Leider war er mit seinem Vorhaben überfordert. Es wurde nicht rechtzeitig fertig für die Ausstellung im Salon. Aus Geldmangel musste er das Bild bei seinem Vermieter als Pfand zurücklassen. Er rollte es ein und lagerte es dem feuchten Keller des Mietshauses.

Claude Monet (1840 - 1926), Das Frühstück im Grünen (Linkes Fragment), Öl auf Leinwand, 418 × 150 cm, Musée d’Orsay, Paris, public domain
Claude Monet (1840 – 1926), Das Frühstück im Grünen (Linkes Fragment), Öl auf Leinwand, 418 × 150 cm, Musée d’Orsay, Paris, public domain

Als er es wieder auslösen konnte, war das Bild von Schimmel befallen. Er schnitt die beschädigten Bereiche ab und nahm, das was noch übrig war, wieder an sich. Bei dieser kleinen Anekdote konnte sich auch der Kurator der Ausstellung, Dr. Markus Bertsch, ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Mehr große Namen des Impressionismus

Natürlich sind auch noch andere große Namen in der Impressionismus-Schau, der tollen Sammlung von Wilhelm Hansen und seiner Frau Henny zu sehen. Gaugin, Cézanne, Pisarro, Boudin, Corot und viele mehr. Pioniere, die dem Wetter und der Kritik getrotzt haben. Die alleine anfingen und zu vielen diesen tollen Stil bereicherten.

Weitere Überraschungen finden sich in der Ausstellung:

  • Courbet war begeisterter Jäger, eine Momentaufnahme zweier springender Rehe ist in der Ausstellung zu sehen.
  • Corot malte in Versailles nicht das prächtige Schloss, sondern eine kaputte Windmühle.
  • Das Sammlerehepaar hatte eine genaue Vorstellung von dem was es sammelte.
  • Monet malte die Waterloo-Bridge 42 Mal. Mal von der einen, dann von der anderen Seite. Ja nachdem welches Hotelzimmer er bekam. Genau wie Pisarro in Paris.
  • Boudin fängt am Strand als einer der ersten Maler das touristische Treiben ein.
  • Berthe Morisot zeigt mit ihrer Frau mit Fächer, dass Frauen im Liegen auch angezogen gemalt werden können.

Genießt den Herbst impressionistisch

Auch wenn der Titel der Ausstellung so viel sagend, wie nichts sagend ist, lohnt sich doch ein Besuch. Viele große Namen, aber auch viele Überraschungen warten in der Hamburger Kunsthalle auf euch. Und man wird mit Konfetti begrüßt, was schon viel wert ist.

Wie ihr zur Kunsthalle kommt, was das kostet und überhaupt, wo geht’s zum Shop? Hier.

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