Bild | Inhalt | Vermittler

Eine internationale Tagung des Deutschen Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte-Bildarchiv Foto Marburg beschäftigt sich im November 2018 mit den Relationen von Bild, Inhalt und Vermittler – warum?

Lahntreppen Marburg
Lahntreppen Marburg – jeder Student wird sie kennen! © Miriam Schmidt

Ich bin Kunsthistorikerin. In Marburg – der Stadt, wo ich dieses Fach studierte – fand im November 2018 eine interessante Tagung statt, die ich natürlich besuche. Nicht nur die Tagung, sondern auch meine alte Heimat. Es brauchte wirklich Zeit ein so komplexes Thema setzen zu lassen. In diesem Blog sollen die Themen verständlich – für jeden, nicht nur für Fachpublikum – aufgearbeitet werden. Daher musste ich mir für dieses spezielle Thema Zeit lassen. Zum Beispiel bei Croissant und Kaffee.

Work in Progress
Work in Progress © Miriam Schmidt

Das Bild | Die Struktur

Die Tagung ist sehr gut durchgeplant. Es sind drei Tage angesetzt für diverse Vorträge. Die Dozenten kommen aus Deutschland, Italien, den USA und anderen Ländern. Ein internationales Publikum, das sich kennt. Das ist offensichtlich. Ich als Neuling habe mich über meine Begegnungen mit ehemalige Komollitoninnen sehr gefreut. Entweder sind sie als Doktoranden anwesend, halten selbst Vorträge oder organisieren die Tagung. An dieser Stelle ein lieber Gruß an alle!

Programm der Tagung
Programm der Tagung © Miriam Schmidt

Der Saal in einem der Neubauten der Universität Marburg am Pilgrimstein ist voll besetzt. Die Begrüßungsworte und die Einführung übernimmt natürlich der Direktor des Deutschen Dokumentationszentrums für Kunstgeschichte – Bildarchiv Foto Marburg: Herr Prof. Dr. Hubert Locher (bei dem ich selbst studierte).

Prof. Dr. Hubert Locher bei seiner Begrüßung und Einführung
Prof. Dr. Hubert Locher bei seiner Begrüßung und Einführung © Miriam Schmidt

Herr Prof. Dr. Locher skizziert die Geschichte des Dokumentationszentrums, auch des kunstgeschichtlichen Instituts in Marburg mit samt seinen prägenden Persönlichkeiten. Es geht um die praktische Umsetzung der Lehre im Institut – sprich um Bilder, die in Kontexte gesetzt, mit Inhalt gefüllt und analysiert werden. Aber auch Sammlungsgeschichte spielt eine Rolle. Text und Bild, Bücher und Dias (das sind diese kleinen Plastikrahmen mit Bildern drin), werden getrennt voneinander archiviert, katalogisiert und genutzt.

Das Bild | Die Themen

Die Themen der Tagung variieren. Die folgende Auflistung soll zeigen, wie vielfältig der Themenschatz war, mit denen sich Forscher auf der ganzen Welt beschäftigen:

  • Lehrmedien (Bilder) in Klassischer Archäologie und Kunstgeschichte
  • Sammlungen von Lehrmedien: Aufarbeitung und Dokumentation
  • Digitale Präsentation – Powerpoint und Co.: aktueller denn je!
  • Bild und Bildung im 19. und 20. Jahrhundert – an Schulen!
  • Fotogeschichte – eine junge Geschichte
  • Volksbildung mit Film und Bild – denken wir nur mal an die Wochenschau
  • Lehrbücher für Frauen – Frauen brauchten offensichtlich andere Bilder und Texte…
  • Media Archeology oder Topos Archeology

Das Bild | Die Präsentation

Die Keynote (ein herausragend präsentierter Vortrag eines meist prominenten Redners oder professionellen Grundsatzreferenten – vielen Dank Wikipedia!) am Ende des ersten Abends ist vortrefflich gewählt. Prof. Dr. Robert Nelson aus New Haven beginnt mit einem glorreichen Satz, der sehr schön wissenschaftliches Arbeiten, Vortragen und auch Leben beschreibt:

I know my role here. I stand between you and your drinks.

frei aus dem Gedächtnis

Man soll einen Vortrag angeblich immer mit einem Witz beginnen – also mich hat er von Anfang an.

Ich mag seinen Vortrag weil er so simpel, wie genial ist. Er beginnt damit zu erklären, wie der Sprecher sein Publikum einbindet. Wie er es überzeugen muss mit Sprache, Gestik und Mimik – und natürlich mit Bildern.

Er zeigt Ausschnitte eines Films (den ich, nicht wie er, unglaublich toll finde) Mona Lisa’s Smile mit Julia Roberts. Eine junge Dozentin versucht im puritanischen New England an einem Mädchencollege Kunstgeschichte zu unterrichten. Er zeigt explizit Szenen aus dem Hörsaal. Die alten Koffer mit den Dias, das Einrasten der Dias im Projektor, das Geräusch, wenn die Dias rein und wieder raus geschoben werden – herrlich! Ein simples Geräusch, das in jeder Präsentation dabei ist.

Szene aus dem Film "Mona Lisa's Smile"
Szene aus dem Film „Mona Lisa’s Smile“ © http://alproject.pixnet.net/blog/category/580674

Das Hirn verknüpft es sofort mit Bildern, obwohl es inhaltlich nichts damit zu tun hat. Selbst ich kenne das Geräusch noch aus archäologischen Vorlesungen, da meine Professorin nichts von Powepoint gehalten hat. Es findet eine unterbewusste Verknüpfung von Bild, Hilfsmittel und Vermittler statt. Der Dozent spricht exakt nach dem Geräusch des Projektors – er erläutert, zeigt und vermittelt.

Prof. Dr. Nelson spricht auch über Powerpoint als Hilfsmittel in der Digitalisierung – ein Programm, das seit 1990 auf allen Windows Computern läuft. Ein Urgestein der Digitalisierung also. Aber er geht nicht auf das Programm an sich ein. Ein Medium das eine deutliche Erleichterung im Arbeitsprozess von Dozenten darstellt, sondern redet bestimmt zehn Minuten über die Wahl der richtigen Hintergrundfarbe der Folien. Schwarz, Weiß, Hellgrau, Dunkelgrau, Rot oder sogar Grün?! Wie sich herausstellen wird, denkt am Abend jeder Dozent der Tagung über seine Farbwahl seiner Präsentation nach.

Das Bild | Die Bildung

Nicht nur Kunsthistoriker lernen anhand von Bildern. Wir alle lernen und lernten mit Bildern. Das ist vielleicht nicht jedem klar, aber Bilder begleiten uns den ganzen Tag. Es gibt wichtige Bilder und unwichtige Bilder. Unsere Wahrnehmung ist natürlich selektiv. Unser Hirn will oder kann nur das verarbeiten, was es für lebensnotwendig hält. In der Bildung oder eben im Schulwesen erkennt man relativ früh, wie wichtig für Kinder Bilder zum Verständnis von Inhalten sind.

Dr. Kerstin Schwedes bei ihrem Vortrag zum Thema Bilder und Bildung im frühen 20. Jahrhundert.
Dr. Kerstin Schwedes bei ihrem Vortrag zum Thema Bilder und Bildung im frühen 20. Jahrhundert © Miriam Schmidt

In ihrem Vortrag skizziert Dr. Schwedes das Schulwesen in Deutschland um 1900. Hier ist ein Aufschwung des Schulbuches zu verzeichnen. Man erkennt, dass eine bildnerische Untermalung des Inhaltes – am Besten mit Kindern und Tieren – die Schüler eher ansprechen als reiner Text. Das ansprechende, repetierende Lernen durch Motivbilder rückt in den Fokus der Vermittlung. Viele Künstler, die solche Motivbilder anfertigen, sind zum Teil selbst bei historischen Ereignissen noch dabei und sichern damit die Authenzität des Bildes. Eigentlich sind diese Erkenntnisse logisch, wenn man kurz darüber nachdenkt, aber wann denkt man schon mal darüber nach, warum dieses oder jenes Bild in einem alten Schulbuch enthalten ist? Und wer die überhaupt gemacht hat? Diese Fragen habe ich mir als Schüler nicht gestellt… Mit dieser im Erkenntnis im Gepäck ist dieser Vortrag einer meiner Liebsten.

Das Bild | In der Forschung

Das Bild in der kunstgeschichtlichen Forschung nimmt einen immer wichtigeren Standpunkt ein. Ich persönlich hatte viele Aha-Momente auf der Tagung, obwohl ich vom Fach bin und mich mehr und intensiver damit beschäftigen könnte und vielleicht auch sollte.

Allerdings frage ich mich gleichzeitig, ob Fachfremde, Laien oder einfach Interessierte nachvollziehen können, was da beforscht wird und warum. Würde es nicht Sinn machen eine Wissenschaftskommunikation aufzubauen, die versucht zu vermitteln. Nicht nur inhaltlich, sondern auch menschlich?

Ich könnte auch noch provokanter fragen: Wenn ich einem „normalen“ Menschen auf der Straße erklären würde, dass andere Menschen dafür bezahlt werden (über Drittmittel, vom Staat, mit Steuern etc.), dafür dass sie sich mit der Beforschung von Lerhmitteln, Bildern, Dias, Fotos etc. beschäftigen, was meint ihr, wie dieser „normale“ Mensch reagiert?

Die Frage nach dem Warum? bleibt mir auf jeden Fall im Kopf. Die Frage Warum? kann man natürlich auf alle anderen Forschungsgebiete anwenden. Bleibt aber, finde ich, vor allem bei einem Fach wie Kunstgeschichte, noch stärker als bei einem anderen wissenschaftlichen Gebiet, im Gedächtnis.

Anmerkungen

  • Bild sollte hier als Platzhalter verstanden werden für die mannigfaltigen Begriffe, die auf der Tagung genutzt wurden. Der Einfachheit halber benutze ich in dem Artikel nur ein Wort.
  • Nicht alle hervorragenden Vorträge konnten besprochen werden – ich bitte um Verständnis.
  • Mein Artikel kann lediglich einen Einblick in die Komplexität geben.
  • Ich bedanke mich für die tolle Unterstützung durch die Organisatoren der Tagung!

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